Unsere Schule ist eine besondere Schule. Der Name macht es deutlich:
Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara - Zweigstelle Istanbul
Eine Botschaftsschule an einem Ort, an dem gar keine Botschaft ist. Die Geschichte der Unterbringung der Deutschen Schule in Istanbul, früher Constantinopel, ist so bewegt wie das bunte Treiben des Orients.
Schon 1843 existierte in Istanbul in Angliederung an die deutschsprachige evangelische Gemeinde eine deutsche Schule für deutsche protestantische Kinder. Der erste Schulunterricht fand 1854 mit zunächst drei Kindern im preußischen Gesandtschaftshotel statt. Mit allerhöchster Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV wurde 1854 verfügt, ein eigenes evangelisches Kirchen- und Schulgebäude zu errichten. Eine Kollekte in Deutschland erbrachte 58.254Th, die ausreichten um ein Schulgebäude mit Schulklassen im Erdgeschoss und einen kirchlichen Versammlungsraum im 1. Obergeschoss zu errichten. Zwischenzeitlich hatte sich unter Leitung des österreichischen Gesandtschaftskaplans eine deutsch-slawische Schule gebildet, die Kinder aller Nationen und Konfessionen aufnehmen wollte und zu diesem Zweck das Fach Religion aus dem Lehrplan entfernt hatte. 1867 wurde in der Nähe des Galataturms die Bürgerschule gegründet, die 1872 bezogen wurde. Das intensive Erdbeben am 10.8.1894 beschädigte das dreistöckige Gebäude mit 11 Klassen und Lehrerwohnungen so stark, dass der Schulverein entschied, einen Schulneubau in Beyoglu zu errichten. Das Reich war nicht bereit die Finanzierung zu übernehmen und so gewährten Baudirektor Kapp und Bankdirektor Wülfing dem Schulverein ein Darlehen von insgesamt 250 000 Mark. Damit entstand der Bau des heutigen Alman Lisesi, in dem in den unteren Etagen Kindergarten und Primarschule untergebracht waren. (1,3)
1944 wurde die Schule geschlossen und bis 1953 als Beyoglu Kiz Lisesi (Beyoglu Mädchengymnasium) unter türkischer Leitung benutzt. 1953 gab der türkische Staat die Schule zurück. Man gründete den Verein zum Betrieb der Deutsche Schule und das Alman Lisesi (Deutsches Gymnasium) nahm seinen Betrieb wieder auf. (3)
Aus dieser Schule (Alman Lisesi) wurde 1961 die Deutsche Botschaftsschule ausgegliedert. Sie umfasste die Jahrgänge 1-5 gemäß der damaligen türkischen Mindestschulpflicht. Türkische Schulgesetze machten diesen Schritt für deutsche Kinder, die mit ihren Eltern begrenzte Zeit in Istanbul lebten, erforderlich. Durch die damalige Gründung ist es möglich geblieben, einen rein deutschen Unterricht in den Grundschulklassen zu halten ohne Einfluss und Kontrolle türkischer Schulbehörden. Man war damals froh, dass dieser Schritt überhaupt gelang. Es ist ohne Zweifel, dass diese Gründung nur mit großem Engagement der „Deutschen Kolonie“ (in Istanbul ansässige Deutsche und Expatriots), des Vereins Teutonia und des Deutschen Generalkonsulates sowie der Deutschen Botschaft möglich war. (4)
Es wurden zunächst Schulräume im Stadtteil Sisli angemietet, in einem Gebäude der Familie Paluka, das bald nicht mehr ausreichte um die große Zahl der Kinder zu fassen.
Die Schülerzahl stieg von 100 Schülern im Jahre 1961 so stark an, dass man sofort nach der Neugründung mit der Planung und Durchführung einer neuen Schule begann.
1964 wurde das heutige Schulgebäude auf dem Gelände des ehemaligen Biergartens des Club Teutonia an dessen Clubgebäude angebaut und die Geschichte der Schule ist seitdem eng verknüpft mit der inzwischen 155jährigen Geschichte des Club Teutonia, der ursprünglich als Handwerkerverein von Deutschsprachigen in Istanbul gegründet wurde.
In den 60er und 70er Jahren kamen sehr viele Lehrer mit Familien nach Istanbul, um am Alman Lisesi und Erkek Lisesi (heute Istanbul Lisesi) Deutsch zu lehren. Die Schülerzahlen stiegen bis auf 207 Schüler im Jahre 1971 an. Man wich in die Vereinsräume des Club Teutonia aus und belegte nun auch die Hausmeisterwohnung und die Lesesäle des Vereins. (2)
In den Räumen des Club Teutonia war damals auch der Deutsch Türkische Kulturverein - gegründet von Robert Anhegger und seit 1957 unterstützt und finanziert durch das Goethe Institut/München - unter dem Namen "Deutsche Bibliothek" untergebracht. Seit 1991 trägt dieser Deutsch-Türkische Kulturverein (auch Kulturbeirat genannt) offiziell die Bezeichnung Goethe Institut.
Im heutigen Kunst– und Musiksaal befand sich ein Seemannsheim für Matrosen, die mit ihren Schiffen nach Istanbul kamen. Der Leiter des Heims und gleichzeitig Seemannspfarrer, Herr Bott, gründete 1961 mit vier Müttern den Teutonia Kindergarten. Die Genehmigung als öffentlicher Kindergarten wurde nicht erteilt und der Kindergarten diente nur der Betreuung der Kinder von Vereinsmitgliedern. Die ersten Kindergärtnerinnen, wie Frl. Rauschenberger, galten entsprechend als Kindermädchen des Vereins und waren nicht als Kindergärtnerinnen beschäftigt, was 1965, als der Kindergarten auf eigenen Wunsch der Deutschen Botschaftsschule angegliedert wurde, durch das Generalkonsulat geregelt wurde. Erste über Bonn vermittelte Kindergärtnerin war Frau Ingeborg Celik, die in der sogenannten „Vorschule“ der Deutschen Botschaftsschule 33 Kinder betreute und noch heute in Istanbul weilt.
Allerdings tauchte zu dieser Zeit das Problem auf, dass Kindern aus deutsch-türkisch gemischten Familien mit türkischem Pass der Besuch des Vereinskindergartens nicht mehr erlaubt war. Das trennte diese Familien, vor allem Frauen, von der Teutonia und dem deutschen Kreis. Sie fühlten sich ausgeschlossen und wandten sich ab. Trotzdem konnte wegen der türkischen Schulgesetze keine Rücksicht auf diese Gruppe genommen werden. 1986 schlossen sich diese Frauen zu dem Verein „Die Brücke“ zusammen. (2)
Durch viele Veränderungen im gesellschaftspolitischen Bereich und durch die weitflächige und stark zunehmende Besiedlung der Stadt kam das Clubleben langsam zum Erliegen. Schule und Vereinsgebäude gerieten in einen katastrophalen Zustand und da die in dieser Zeit Verantwortlichen nicht vertraut mit türkischen Gesetzen waren, sollte der Club 1974 geschlossen werden. Ebenso verhielt sich die Situation 1984. 1989 sprach der damalige Schulleiter sogar vom Abbruch des Gebäudes.
Mit der drohenden Schließung des Club Teutonia war auch gleichzeitig immer die Gefahr der Auflösung der Deutschen Botschaftsschule verbunden. Nicht zuletzt durch den Einsatz von Lehrern und Schulleitern beider Schulen, die mittlerweile die Einzigen waren, die noch Interesse an dem Teutoniagebäude hatten, gelang es den Gerichtsprozess positiv abzuschließen und die Schließung abzuwenden. Einmal mehr halfen das Deutsche Generalkonsulat, Goethe Institut, Archäologisches Institut, Deutsche Botschaft, Vereinsmitglieder und ehrenamtliche Idealisten mit vereinten Kräften, den Club wieder den türkischen Gesetzen folgend zu führen und das Gebäude zu renovieren. Viele Lehrer und Eltern von Grundschulkindern wurden Mitglieder des Vereins und halfen bei der Renovierung des Gebäudes. Sie richteten den Theatersaal her, veranstalteten Konzerte, Abiturprüfungen wurden abgehalten, und auch die Botschaftsschule nutzte die Räume, um ihre Weihnachtsfeiern im bis in die 90er Jahre ungeheizten Theatersaal stattfinden zu lassen.
In den politisch unruhigen Jahren zwischen 1970 und 1980 (siehe Zeittafel) kam es zu einem Bombenanschlag auf das Teutoniagebäude und zu weiteren Bombendrohungen. Die unteren Fenster des Gebäudes wurden vergittert. Das Stadtviertel verkam und veränderte sich derart negativ, das sich der Elternbeirat aus diesen und anderen Gründen ab 1977 nach einem anderen Standort umsah (Luftverschmutzung: es wurde mit minderwertigen Braunkohlebrocken geheizt; Eltern wollten ihre Kinder an manchen Tagen nicht mehr in die Schule schicken; Schießereien auf der Istiklal Cad., die damals noch stark befahren war; Militärregierung). Fast 20 Jahre verfolgte man das Projekt, auf dem Gelände der BRD im Deutschen Botschaftspark in Tarabya (heute: Historische Sommerresidenz des Deutschen Botschafters in Ankara) eine neue Schule zu errichten. Es wurden auch diverse leer stehende Gebäude zwecks Anmietung besichtigt. Über Jahre sparte man finanzielle Mittel für den Tag X an und arbeitete auf allen Ebenen teilweise mit großem Nachdruck an einer solchen Lösung.
1984 sah die Situation so aus: „Grundstück und Gebäude (auch das Schulgebäude) sind im Besitz des Vereins Teutonia. Das Hauptgebäude befindet sich in einem katastrophalen baulichen Zustand. Vermögen zur Reparatur auch der wichtigsten Dinge wie Dach und Heizung ist nicht mehr vorhanden. Reparaturen von Schäden am Schulgebäude, die zum Teil durch Konstruktionsfehler bedingt sind, können von der Teutonia nicht übernommen werden. Der Verein gilt seit 1974 als türkischer Verein, ist also dem türkischen Vereinsgesetz unterworfen. Weil dieses Gesetz nicht beachtet wurde ist von der Vereinspolizei Antrag auf Schließung gestellt worden. Die Gerichtsverhandlung ist von Oktober auf Dezember verschoben. Das Damoklesschwert hängt sichtbar über der Schule. (… ) Wir als Elternbeirat stellen keinen Verein nach türkischem Gesetz dar. Wir müssen versuchen, im Schutz und mit Hilfe des Generalkonsulates, der Botschaft und des Auswärtigen Amtes diese Schule zu erhalten, Gefährdungen rechtzeitig zu beseitigen.“ (4)
1986 gründete man den Schulverein (Eintragung in Bonn). Es wurde ein Vorstand gewählt, Elterngremien geschaffen, Satzungen und Ordnungen ausgearbeitet und diese auch verabschiedet.
Ende der 90er Jahre beendete man den Traum von einer neuen Schule und konzentrierte sich auf die Renovierung des bestehendes Gebäudes, das nun umfassend modernisiert wurde. Der Kindergarten wurde ebenfalls von Grund auf saniert. Hinzu kamen die Ausgestaltung des Pausendaches und des Schulhofes vor dem Gebäude. So wurde das Interieur der Schule zu einem bunten modernen Schmuckstück.
1998 wurde durch ein weiteres Schulgesetz die 8jährige Schulpflicht in der Türkei eingeführt.
Seither werden unter dem Namen „Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara - Zweigstelle Istanbul„ die Klassen 1-8 geführt. Sie sind in zwei getrennten Gebäuden untergebracht. Klasse 1-4 (Primarstufe/Grundschule) im Teutoniagebäude, Klasse 5-8 (Sekundarstufe I im Alman Lisesi). Aus räumlichen, personellen, juristischen und finanziellen Gründen ist die zur Zeit laufende Debatte um eine Reorganisation äußert kompliziert. Hinzu kommt die neu entflammte Diskussion um die Staatsbürgerschaftsregelung der aufzunehmenden Kinder. Wieder einmal ist man an einem Punkt der Schulgeschichte angekommen, an dem man schon mehrmals stand: der Kreis der Verantwortlichen muss sich gemeinsam um ein Einvernehmen mit den türkischen Behörden bemühen, damit die Beschulung deutscher Kinder in Istanbul gewährleistet werden kann und der Schulstandort erhalten bleibt.
Diese Zusammenfassung beruht auf folgenden Quellen:
(1) Die Geschichte der deutschen evangelischen Gemeinde in Konstantinopel von 1843 bis 1932.
(2) Geschichte der Teutonia von Barbara Radt, Orientinstitut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.
(3) Festschrift des Alman Lisesi: 125 Jahre Deutsche Schule Istanbul.
(4) Chronologie zum „Schulneubau in Tarabya“ von Dr. Helga Prignitz Poda mit einem Bericht von Frau Barbara Radt, ehemalige Vorstandsvorsitzende des Schulvereins, anlässlich einer Schulelternbeiratsversammlung 1984




